Notfallvorsorge in Deutschland: Die BBK-Checkliste, Warn-Apps und Sirenensignale
Was das Bundesamt für Bevölkerungsschutz für jeden Haushalt empfiehlt: Vorrat für zehn Tage, 2 Liter Wasser pro Person und Tag, Dokumentenmappe, Notgepäck. Plus: Cell Broadcast, NINA, KATWARN, Sirenensignale und Trinkwassernotbrunnen erklärt.
Warum dieser Artikel
Viele Survival-Ratgeber, unsere eigenen Serien eingeschlossen, kommen aus dem angelsächsischen Raum und handeln von Wüsten, Erdbeben und Wildnis. Die realistischen Notlagen in Deutschland sehen anders aus: ein mehrtägiger Stromausfall nach Sturm, Hochwasser wie im Ahrtal 2021, ein Abkochgebot des Wasserversorgers, ein Chemieunfall mit der Aufforderung, Fenster zu schließen. Für genau diese Fälle gibt es eine amtliche Empfehlung, die kaum jemand kennt: den Ratgeber des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK).
Dieser Artikel fasst zusammen, was das BBK jedem Haushalt empfiehlt, und erklärt die Warnmittel, die in Deutschland tatsächlich zum Einsatz kommen. Er ist die Grundlage für alles andere auf dieser Seite: Wer diese Checkliste umgesetzt hat, muss in den meisten Notlagen weder Wasser suchen noch Feuer bohren.
Der Vorrat: zehn Tage, 2 Liter pro Person und Tag
Das BBK empfiehlt, für zehn Tage ohne Einkaufen auskommen zu können. Wer weniger Platz hat, sollte mindestens drei Tage abdecken. Die Kernzahlen:
| Posten | Empfehlung pro Person | Für einen 4-Personen-Haushalt |
|---|---|---|
| Getränke | 2 Liter pro Tag, davon ein Teil zum Kochen | 80 Liter für zehn Tage |
| Getreideprodukte, Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis | ca. 3,5 kg für zehn Tage | ca. 14 kg |
| Gemüse und Hülsenfrüchte (Konserven, Gläser) | ca. 4 kg | ca. 16 kg |
| Obst und Nüsse | ca. 2,5 kg | ca. 10 kg |
| Milch und Milchprodukte (H-Milch, Hartkäse) | ca. 2,6 kg | ca. 10 kg |
| Fisch, Fleisch, Eier (Konserven, Dauerwurst) | ca. 1,5 kg | ca. 6 kg |
| Fette und Öle | ca. 0,4 kg | ca. 1,5 kg |
Die Mengen sind Richtwerte des BBK für einen Energiebedarf von rund 2.200 Kilokalorien pro Tag. Wer Kinder, Schwangere oder Menschen mit Sonderbedarf im Haushalt hat, passt an.
Das Prinzip, das den Vorrat bezahlbar macht: kein Bunker voller Notrationen, sondern der rotierende Vorrat. Du kaufst von dem, was ihr ohnehin esst, etwas mehr, verbrauchst das Älteste zuerst und füllst nach. So läuft nichts ab, und der Vorrat kostet nichts extra. Speziallebensmittel mit langer Haltbarkeit sind eine Ergänzung, keine Basis.
Zum Vorrat gehört außerdem:
- ein Campingkocher oder Gaskocher mit ausreichend Kartuschen, weil beim Blackout Herd, Mikrowelle und oft auch die Gastherme ausfallen. Nie in geschlossenen Räumen mit Holzkohle oder Grill (Kohlenmonoxid).
- Kerzen, Taschenlampen, Batterien, Powerbank, dazu Streichhölzer oder Feuerzeug.
- eine Hausapotheke mit Verbandmaterial, Schmerzmitteln, Fieberthermometer und den persönlichen Dauermedikamenten für mindestens zehn Tage.
- Hygieneartikel: Seife, Toilettenpapier, Müllbeutel, Desinfektionsmittel, bei Wasserausfall Campingtoilette oder stabile Beutel.
- Bargeld in kleinen Scheinen. Beim Stromausfall funktionieren weder Geldautomat noch Kartenterminal.
Wasser: Vorrat, Notbrunnen, Abkochgebot
Wasser ist der Posten, der am schnellsten kritisch wird und in fast allen Ratgebern zu kurz kommt. Drei Dinge musst du wissen:
- Vorrat: 2 Liter pro Person und Tag für zehn Tage. Mineralwasser in PET-Flaschen ist auch nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum trinkbar, wenn es kühl und dunkel gelagert wurde. Bei einer Warnung zusätzlich Badewanne, Eimer und Kanister aus der Leitung füllen, solange sie läuft.
- Trinkwassernotbrunnen: Für den Ausfall der öffentlichen Versorgung unterhält der Bund nach dem Wassersicherstellungsgesetz rund 5.000 Notbrunnen, meist in Städten und Ballungsräumen. Sie werden im Ernstfall von Gemeinde oder Feuerwehr betrieben. Wo der nächste steht, erfährst du bei deiner Stadt- oder Gemeindeverwaltung; manche Kommunen veröffentlichen Karten. Notiere den Standort auf deiner Checkliste.
- Abkochgebot: Nach Rohrbruch, Hochwasser oder Keimbefund im Netz spricht der Versorger ein Abkochgebot aus, verbreitet über Radio, Cell Broadcast, Warn-Apps, Lautsprecherwagen und die eigene Website. Dann gilt: Wasser eine Minute sprudelnd kochen, auch zum Zähneputzen und für Babynahrung. Wie Abkochen, Filtern und Desinfizieren im Detail funktionieren, steht in Teil 3 unserer Wasser-Serie.
Warnmittel: Wie du in Deutschland gewarnt wirst
Das BBK spricht vom Warnmittel-Mix: Kein einzelner Kanal erreicht alle, deshalb laufen mehrere parallel. Diese solltest du kennen und eingerichtet haben:
Cell Broadcast. Seit Februar 2023 in Deutschland aktiv. Warnungen der höchsten Stufen werden als Nachricht an alle Handys in einer Funkzelle gesendet, ohne App, ohne Registrierung, ohne dass jemand deine Nummer kennt. Voraussetzung: ein einigermaßen aktuelles Handy, eingeschaltet, nicht im Flugmodus. Prüfe in den Einstellungen unter „Notfallwarnungen” oder „Warnmeldungen”, dass die Funktion aktiv ist. Sie ist beim bundesweiten Warntag im September jedes Jahres gut zu testen.
NINA. Die Notfall-Informations- und Nachrichten-App des BBK. Sie liefert amtliche Warnungen aller Stufen für Orte, die du abonnierst, dazu Wetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes und Hochwasserinformationen der Länder. Kostenlos für Android und iOS. Der Vorteil gegenüber Cell Broadcast: Auch niedrigere Warnstufen und Entwarnungen kommen an, und du bekommst Warnungen für den Wohnort der Eltern oder die Schule der Kinder.
KATWARN. Ein zweites Warnsystem, vom Fraunhofer-Institut FOKUS entwickelt und von vielen Kommunen und Landkreisen genutzt. Inhaltlich weitgehend deckungsgleich mit NINA, weil beide an das Modulare Warnsystem des Bundes angebunden sind. Eine der beiden Apps reicht; wer auf Nummer sicher gehen will, installiert beide.
Sirenen. Nach jahrzehntelangem Abbau werden Sirenen seit 2021 wieder aufgebaut, aber längst nicht flächendeckend. Die bundesweit einheitlichen Signale:
- Warnung: ein einminütiger auf- und abschwellender Heulton. Bedeutet: Gefahr, Radio einschalten, Warn-App prüfen, Fenster schließen.
- Entwarnung: ein einminütiger Dauerton.
- Probealarm: je nach Region ein kurzer Dauerton oder das Warnsignal zum angekündigten Termin, etwa am bundesweiten Warntag.
Frag bei deiner Gemeinde nach, ob und wo es Sirenen gibt. In vielen Orten sind Feuerwehrsirenen das einzige System und lösen nur zur Alarmierung der Wehr aus.
Radio. Fällt der Strom aus, fallen nach einigen Stunden auch Mobilfunkmasten aus, und mit ihnen Cell Broadcast und Apps. Dann ist das Radio die verbleibende Informationsquelle. Die Landesrundfunkanstalten der ARD sind gesetzlich zur Verbreitung amtlicher Warnungen verpflichtet. Wichtig beim Kauf eines Kurbel- oder Batterieradios: Es braucht UKW-Empfang. Mittelwelle wird in Deutschland seit Ende 2015 nicht mehr gesendet; ein Radio, das nur mit „AM/MW” wirbt, ist hier nutzlos. DAB+ ist ein Plus, viele Notfallradios haben es aber nicht.
Lautsprecherwagen und Warnfahrzeuge von Feuerwehr und Polizei sowie Durchsagen in Bahnhöfen und auf digitalen Werbetafeln ergänzen den Mix vor Ort.
Notgepäck: Wenn du das Haus verlassen musst
Evakuierungen sind in Deutschland häufiger, als man denkt: Bombenfunde, Hochwasser, Großbrände. Das BBK empfiehlt einen gepackten Rucksack pro Person, mit dem du 48 Stunden auskommst:
- Kopien der wichtigen Dokumente (siehe Dokumentenmappe), Bargeld, Schlüssel
- Erste-Hilfe-Material und persönliche Medikamente
- Radio mit Batterien oder Kurbel, Taschenlampe, Ersatzbatterien, Powerbank
- Wasser und energiereiche, haltbare Lebensmittel für zwei Tage, Besteck, Becher
- Hygieneartikel, Toilettenpapier, Müllbeutel
- Wetterfeste Kleidung, festes Schuhwerk, Regenschutz, Decke oder Schlafsack
- Für Kinder: Lieblingsspielzeug, für Babys: Nahrung, Windeln
- Handy mit Ladekabel, Notfallkontakte auf Papier
Fertig gepackte Rucksäcke gibt es im Fachhandel; wer selbst packt, hat den Vorteil, jedes Teil zu kennen.
Dokumentenmappe
Nach einem Hochwasser sind Ausweise, Versicherungspolicen und Urkunden oft das Erste, was fehlt und das Letzte, was sich schnell ersetzen lässt. Das BBK empfiehlt eine griffbereite Mappe mit Originalen oder Kopien von:
- Personalausweis, Reisepass, Führerschein, Fahrzeugpapiere
- Geburts-, Heirats-, Sterbeurkunden, Stammbuch
- Impfpass, Organspendeausweis, Patientenverfügung
- Versicherungspolicen, Rentenbescheide, Sparbücher, Wertpapiere
- Miet- oder Kaufverträge, Grundbuchauszüge, Zeugnisse
Digitale Kopien auf einem verschlüsselten USB-Stick im Rucksack oder bei Verwandten sind eine sinnvolle Ergänzung.
Was in einer Notlage sonst gilt
- Notruf 112 für Rettungsdienst und Feuerwehr, europaweit. 110 für die Polizei. Bei einer Großlage die Leitungen nicht mit Nachfragen blockieren; Informationen gibt es über Radio und Apps.
- Fenster und Türen schließen, Lüftung aus, wenn die Warnung „Gefahrstoffaustritt” oder „Brand mit starker Rauchentwicklung” lautet.
- Nachbarn informieren, besonders ältere Menschen ohne Smartphone.
- Für die Länder gibt es eigene Hinweise, etwa zu Hochwassergebieten oder Sturmflut an der Küste. Die Innenministerien und Landesämter für Katastrophenschutz veröffentlichen sie; NINA zeigt die regionalen Warnungen an.
Die Checkliste zum Abhaken
- Getränkevorrat: 2 Liter pro Person und Tag für zehn Tage
- Lebensmittelvorrat für zehn Tage, rotierend
- Campingkocher und Kartuschen
- Taschenlampen, Batterien, Powerbank, Kerzen
- Hausapotheke und Dauermedikamente für zehn Tage
- Hygieneartikel, Müllbeutel, Notlösung fürs WC
- Bargeld in kleinen Scheinen
- UKW-Radio mit Batterien oder Kurbel
- Cell Broadcast am Handy aktiv, NINA oder KATWARN installiert
- Standort des nächsten Trinkwassernotbrunnens notiert
- Notgepäck pro Person gepackt
- Dokumentenmappe angelegt
- Notfallkontakte auf Papier, Treffpunkt für die Familie vereinbart
Wer die Liste einmal abgearbeitet hat, braucht danach nur noch einen Termin im Kalender: alle sechs Monate Vorrat prüfen, Batterien wechseln, Medikamente auffrischen. Der bundesweite Warntag im September ist ein guter Anlass.
Quellen
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen; Checklisten zu Vorrat, Notgepäck und Dokumentenmappe (bbk.bund.de)
- BBK: Informationen zum Warnmittel-Mix, zu Cell Broadcast, NINA und zum bundesweiten Warntag
- Wassersicherstellungsgesetz (WasSiG) und BBK-Angaben zu Trinkwassernotbrunnen
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): Empfehlungen zur Haushaltswasseraufbereitung
Dieser Artikel gibt amtliche Empfehlungen wieder und ersetzt sie nicht. Im Ernstfall gelten die Anweisungen der örtlichen Behörden.
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